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Mit Baby hinter Gittern
 
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Jennifer R. (l.) ist froh, dass sie ihren Sohn bei sich hat. Ihre Zimmernachbarin im Mutter-Kind-Bereich Sandra B. hat erst vor zwei Wochen ihren Sohn entbunden. Fotos: Robert Michael

Der Sohn von Jennifer R. hat das Licht der Welt noch im Chemnitzer Krankenhaus erblickt. Doch schon wenige Tage später musste er ins Gefängnis. Seine Mutter ist froh darüber: „Ich habe mit der Angst gelebt, ihn abgeben zu müssen. Ich bin glücklich, dass er hier bei mir sein kann.“

Die 18-Jährige verbüßt seit neun Monaten eine knapp zweijährige Haftstrafe wegen schwerer Körperverletzung. Vor der Geburt war lange unklar, ob sie für den offenen Vollzug mit dem Mutter-Kind-Bereich des Chemnitzer Gefängnisses geeignet ist. Die Alternative wäre ein Heimplatz für ihren jetzt fünfmonatigen Sohn gewesen. Zu seinem Vater hat sie keinen Kontakt.

Der offene Vollzug für bis zu fünf Mütter und ihre Kinder gehört zur zentralen Frauenvollzugsanstalt Mitteldeutschlands in Chemnitz. Sachsens Justizminister Jürgen Martens (FDP) stellte gestern mit seinen Amtskollegen aus Thüringen und Sachsen-Anhalt die geplante Erweiterung vor. „Die Anstalt ist wohl das größte funktionierende Beispiel für die Zusammenarbeit in Mitteldeutschland.“ Seit diesem Jahr werden Frauen aller drei Bundesländer in Chemnitz inhaftiert. Dank der Konzentration in einer Anstalt könnten mehr verschiedene Therapien angeboten werden.

Umbau kostet 40 Millionen

Bis 2014 wird der Standort an der Reichenhainer Straße von 194 Haft- und Jugendarrestplätzen auf 425 erweitert. Der Bau kostet 40 Millionen Euro. Es entsteht ein Haus für den offenen Vollzug mit 80 Haftplätzen und eigener Mutter-Kind-Station, eine neue Arbeits- und eine Sporthalle.

Jennifer R. sitzt auf einer Bank im begrünten Hof neben ihrem Haftgebäude und schaukelt den Kinderwagen hin und her. Vor den Fenstern sind keine Gitter, Holzschmetterlinge hängen an der Decke, auf den hellblauen Türen kleben Bilder von lachenden Sonnen. Nur die vier Meter hohen Maschendrahtzäune mit Stacheldraht ringsum erinnern im offenen Vollzug an ein Gefängnis. Durch dieses Konzept sollen die Gefängnisinsassen sich später leichter in die Gesellschaft integrieren können. „Am Wochenende kann ich raus spazieren gehen und unter der Woche zu Arztterminen oder zum Einkaufen in die Stadt“, sagt Jennifer R. Schlafen muss sie aber in ihrem Zimmer.

Zu ihrem Tagesprogramm gehört, dass sie im Haus die Wäsche wäscht, den Boden fegt oder das Essen ausgibt. Auch die Insassinnen des geschlossenen Vollzuges arbeiten in der anstaltseigenen Wäscherei, Näherei oder Stickerei mit. Dadurch würden Disziplin, Durchhaltevermögen und Selbstwertgefühl gestärkt, sagt Anstaltsleiter Frank Wigger. „Unser Ziel ist es, dass die Gefangenen künftig soziale Verantwortung übernehmen.“ Viele junge Inhaftierte haben Schule oder Lehre abgebrochen. Im Gefängnis können sie sich auf einen Schulabschluss vorbereiten oder sich über die Industrie- und Handelskammer zur Modenäherin ausbilden lassen.

1,17 Euro Stundenlohn

Das Arbeitsangebot wird trotz des geringen Stundenlohns von 1,17 Euro stark genutzt. Morgens um sieben beginnt der 7,5-stündige Arbeitstag. Nachmittags werden für sie verschiedene Freizeit- und Therapiemöglichkeiten angeboten. Soziales Kompetenztraining, psychologische Betreuung, Suchtberatung oder Anti-Gewalttraining gehören dazu. Die Frauen können stricken, fernsehen oder auf dem Sportplatz Volleyball, Fußball oder Tischtennis spielen.

Neu ist in diesem Jahr, dass die Gefangenen Blindenhunde ausbilden. Die Inhaftierten bringen ihnen Kommandos bei, lernen, auf andere einzugehen und durch Lob und Konsequenz zum Ziel zu gelangen. Thüringens Justizminister Holger Poppenhäger (SPD) möchte die Therapie auch in anderen Gefängnissen nutzen.

Quelle: SZ

 
Dienstag, 04. Mai 2010 12:54 40
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